Die „Offene Hochschule“ zum Erfolgsmodell machen (16.02.2011) 

Dr. Gabriele Andretta, SPD:

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren!

Meine Fraktion begrüßt den Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Er nimmt wichtige Forderungen auf, die auch wir in mehreren Anträgen zur Öffnung der Hochschulen in den Landtag eingebracht haben leider vergeblich. Ich hoffe sehr, Frau Kollegin Heinen, dass diesen Antrag nicht das gleiche Schicksal ereilt; denn dass hier Handlungsbedarf besteht, ist unstrittig.

Mit Blick auf die Fachkräftelücke, und zwar nicht nur in den MINT-Berufen, sondern ebenso in den Pflege-, Gesundheits- und Erzieherberufen, steht fest: Allein auf unsere Abiturienten zu setzen, reicht nicht mehr. Vorhandene Bildungsreserven müssen besser mobilisiert, und die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung muss verbessert werden. Die berufliche Bildung darf für uns keine Sackgasse mehr sein. Sie muss die Nachwuchsschmiede in unserem Land werden.
(Beifall bei der SPD und Zustimmung von Dr. Gabriele Heinen-Kljajić [GRÜNE])

Meine Damen und Herren, alle hier wissen, die Arbeitswelt ändert sich. Der Weiterbildungsbedarf nimmt zu, Stichwort: lebenslanges Lernen. Das brauche ich hier nicht auszuführen.

Nicht zuletzt wird auch die Umstellung auf Bachelor und Master zeigen, dass systematisch ein anderer Weiterbildungsbedarf besteht. In unseren europäischen Nachbarländern, etwa den Niederlanden, zeigt sich das bereits. Dort geht die große Mehrzahl der Menschen nach dem Bachelor-Abschluss in den Beruf, kommt dann einige Jahre später wieder in die Hochschulen zurück und beginnt dort ein berufsbegleitendes Studium. Das funktioniert aber nur dann, wenn die Hochschulen auch entsprechend angepasste Angebote für die Berufsphase bereithalten. Hier besteht ein großer Nachholbedarf. Die nackten Zahlen sind ernüchternd. Frau Heinen hat sie hier genannt. Berufstätige verirren sich bei uns nur selten an die Hochschulen.

Zwar wurde auch das haben wir hier beschlossen mit der jüngsten NHG-Novelle die Tür zur Hochschule weiter geöffnet. Doch die Barrieren sind nach wie vor so hoch, dass nur wenige diese Türschwelle auch überschreiten. Wollen wir das ändern, brauchen wir mehr als Gesetze. Aus der Sicht meiner Fraktion möchte ich dazu nur drei Punkte knapp benennen.

Erstens: die Öffnung der Hochschulen für neue Zielgruppen durch gezielte Studienangebote für Berufstätige. Unsere Universitäten nicht nur in Niedersachsen, sondern in ganz Deutschland gehen immer noch von dem Modell des Normalstudierenden aus, der direkt nach dem Abitur an die Hochschule kommt, dort seinen Bachelor und Master macht, danach die Hochschule verlässt und dann nicht wiederkommt. Studierende, die nicht über das klassische Abitur an die Hochschulen kommen, sind aber in der Regel älter, kommen oft aus Facharbeiterfamilien und sind aufgrund ihrer Bildungsbiografie nicht mit der Lernkultur von Hochschulen vertraut. Oft haben sie schon selbst Familie und müssen Familie, Beruf und Studium unter einen Hut bringen. Für diese Studierende bedarf es besonderer flexibler Angebote an den Hochschulen. Doch bisher ist die Lern- und Lehrkultur an den Hochschulen nicht auf diese Studierende vorbereitet. Im Unterschied z. B. zu den Angelsachsen oder zu Finnland ist bei uns das Präsenzvollzeitstudium die Norm. Fernstudium, berufsbegleitendes und echtes Teilzeitstudium oder weiterbildende Studiengänge sind Stiefkinder unserer Hochschulen. Solche Studienangebote machen weniger als 5 % der Studiengänge aus.

Wie kann man das ändern? – Das sollte uns hier beschäftigen. Dazu wurden in einer Expertenanhörung, die der Wissenschaftsausschuss vor noch nicht einmal zwei Jahren durchgeführt hat, gute Vorschläge gemacht. So wurde z. B. vorgeschlagen, die Verankerung einer Zielvorgabe im NHG zur Entwicklung von weiterbildenden Bachelor-Studiengängen mit Anreizsystemen für die Hochschulen zu verbinden, damit sie sich auch öffnen und genau diese Angebote entwickeln.

Zweites Handlungsfeld: die Erleichterung von Übergängen zwischen beruflicher und Hochschulbildung durch die Anerkennung beruflicher Kompetenzen. Frau Heinen-Kljajić hat darauf hingewiesen. Die Erfahrungen mit den ANKOM-Projekten waren ermutigend, meine Damen und Herren. Hieran muss weitergearbeitet werden, insbesondere was die Vernetzung mit den Akteuren der beruflichen Bildung und der Erwachsenenbildung angeht. Dabei geht es nicht nur um Fragen von Anrechnungsverfahren und Qualitätssicherung. Die Experten haben uns gesagt, es gehe auch um die Frage neuer Lernorte. Das muss nicht immer die Hochschule sein. Ich glaube, unsere Weiterbildungseinrichtungen bieten hierzu attraktive Alternativen.

Das dritte Handlungsfeld ist im Grunde ebenso dringlich: die Finanzierung des Studiums. Die letzte BAföG-Novelle brachte diesbezüglich keinen Fortschritt. Nach wie vor ist ein Teilzeitstudium nicht förderfähig. Hier brauchen wir dringend mehr Flexibilität. Hinzu kommt, dass berufsbegleitende Studiengänge, Weiterbildungsstudiengänge mit Gebühren belegt sind. So kostet z. B. ein Master-Programm in Oldenburg zwischen 12 000 Euro und 15 000 Euro, ein Bachelor 18 000 Euro. Zum Teil werden diese Gebühren vom Arbeitgeber finanziert. Zum Teil gibt es betriebliche Freistellungen. Allerdings gibt es keinen Zugang zu den Studienbeitragsdarlehen des Landes. Warum eigentlich nicht, Frau Ministerin?
(Beifall bei der SPD)

Auch Stipendien für diese Gruppe sind eher selten. Dabei hätte man es mit dem Deutschlandstipendium in der Hand gehabt, gezielt diese Gruppe zu fördern. Aber wieder einmal wir haben es mitverfolgt wurde nur die reiche Klientel von CDU und FDP bedient, und jene, die wir eigentlich zusätzlich an den Hochschulen haben wollen, bleiben weiter außen vor.
(Beifall bei der SPD – Detlef Tanke [SPD]: Wie immer!)

Meine Damen und Herren, meine Fraktion ist davon überzeugt, dass die Offene Hochschule die Hochschule der Zukunft ist. Unser gemeinsames Ziel sollte es sein, an die Pionierfunktion, die Niedersachsen einst mit der Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte hatte, wieder anzuknüpfen und ernsthaft zu prüfen, inwieweit die im Antrag vorgeschlagenen Maßnahmen geeignet sind, uns auf diesem Weg voranzubringen. Wir jedenfalls sind dazu bereit.
Herzlichen Dank.
(Lebhafter Beifall bei der SPD)