06.04.2016 – Sollen Fachhochschulen von der Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten ausgeschlossen und somit Bologna außer Kraft gesetzt werden? 

Sollen Fachhochschulen von der Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten ausgeschlossen und somit Bologna außer Kraft gesetzt werden?

Abgeordnete Dr. Gabriele Andretta (SPD)

Antwort des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur namens der Landesregierung

Vorbemerkung der Abgeordneten

Die Zulassung von Absolventinnen und Absolventen der Psychologie in die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten erfolgt auf der Grundlage des Psychotherapeutengesetzes (PsychThG, in Kraft getreten am 1. Januar 1999). Als Zulassungsvoraussetzung zur Ausbildung bestimmt § 5 Abs. 2 PsychThG eine im Inland an einer Universität oder gleichstehenden Hochschule (gleichstehend ist definiert als eine Hochschule mit Promotionsrecht) bestandene Abschlussprüfung im Studiengang Psychologie, die das Fach „Klinische Psychologie“ beinhaltet (bzw. einen gleichwertigen im Ausland erworbenen Studienabschluss).

Seit der im Rahmen von Bologna eingeführten Bachelor-/Masterstudiengänge und der damit einhergehenden Flexibilisierung der Studienlaufbahnen und -abschlüsse sind zunehmend Unklarheiten darüber aufgetreten, welche Studiengänge für die Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin/zum Psychotherapeuten qualifizieren. In der Praxis wird aktuell von den Landesprüfungsämtern in der Regel eine Kombination von einem Bachelor und einem Master in Psychologie als Zugangsvoraussetzung für die Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin/zum Psycho-therapeuten verlangt (konsekutiver Bachelor-/Masterstudiengang Psychologie), in dem das Fach Klinische Psychologie/Psychotherapie enthalten ist. Dabei weisen einige der Landesprüfungsämter darauf hin, dass sowohl der Bachelor als auch der Master an einer Universität erworben sein müssen. Weiterhin wird dabei meist verlangt, dass ein bestimmter Fächerkanon im Bachelor- und/oder Masterstudiengang enthalten sein muss.

Diese administrativen Regelungen haben allerdings keine klare Rechtsgrundlage, und der Zugang in den Bundesländern wird teilweise unterschiedlich gehandhabt. Psychologische Abschlüsse von Fachhochschulen genügen jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht bzw. nur in Ausnahmefällen den Anforderungen des Gesetzgebers, um die Ausbildungen zu beginnen, auch wenn sie die gleiche Ausbildung wie an einer staatlichen Universität bieten, mit einem identischen Curriculum.

Aktuell strebt die Bundesregierung eine Reform des Psychotherapeutengesetzes an. In diesem Zusammenhang werden von den Interessenverbänden (u. a. Deutsche Gesellschaft für Psychologie, Bund Deutscher Psychologen, Bundespsychotherapeutenkammer) Vorschläge diskutiert, welche auch eine Neuregelung der Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten betreffen. Diesen Vorschlägen ist gemeinsam, dass die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten über ein grundständiges Studium der Psychologie erfolgen soll, dem eine Weiterbildung Psychologischer Psychotherapeut angeschlossen werden soll. Das Studium soll sich dadurch auszeichnen, dass es ein wissenschaftliches Hochschulstudium (allgemeiner Bachelorabschluss, Masterabschluss mit Schwerpunkt in Klinischer Psychologie und Psychotherapie) sein soll, das in dieser Form nur an Universitäten bzw. Hochschulen mit Promotionsrecht angeboten werden kann.

In dieser Form würden Absolventen von Hochschulen ohne Promotionsrecht dauerhaft von der Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten ausgeschlossen bleiben.

Vorbemerkung der Landesregierung

Die Landesregierung setzt sich für eine bedarfsgerechte, qualitätsgesicherte Ausbildung von Psychologischen Psychotherapeuten wie auch von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten ein und erkennt den Reformbedarf des Psychotherapeutengesetzes (PsychThG) an. Das PsychThG von 1998 (in Kraft getreten am 01.01.1999) hat den Bologna-Prozess auf Hochschulebene bislang nicht nachvollzogen. Die Bachelor-/Masterstruktur hat im Gesetzeswortlaut noch keine Berücksichtigung gefunden. Die Förderung und Weiterentwicklung des Bologna-Prozesses ist ein Aufgabenfeld, in welchem sich Niedersachsen besonders engagiert.

Die berufsrechtlichen Zugangsqualifikationen im Hinblick auf ein vorausgehendes Studium für die Psychotherapeutenausbildungen sind bundesgesetzlich in § 5 PsychThG geregelt. Bei der geplanten Reform des PsychThG wird die neue Studienstruktur zu berücksichtigen sein.

Mit welcher Berechtigung wird eine Unterscheidung zwischen Universität und Hochschule gemacht, wenn doch im Zuge des auf eine europaweite Harmonisierung der Studiengänge und -abschlüsse abzielenden Bologna-Prozesses an einer Hochschule ein durch die Einführung des ECTS-Systems und der Modularisierung der Studieninhalte inhaltlich und formal gleichwertiger Abschluss zu dem an einer Universität erhaltenen vorliegt?

Die im Rahmen des Bologna-Prozesses eingeführten neuen Studienstrukturen sehen keine unterschiedliche Wertigkeit der an Universitäten bzw. an Fachhochschulen erworbenen Abschlüsse vor. Im Hinblick auf die berufsrechtlich reglementierte Psychotherapeutenausbildung ist zwischen der derzeitigen Regelung in § 5 PsychThG und einer zukünftigen Regelung in der seitens des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) geplanten Gesetzesnovelle zu unterscheiden. Der Gesetzestext des geltenden § 5 PsychThG setzt für die Psychotherapeutenausbildung ausdrücklich das Psychologiestudium (einschließlich Klinischer Psychologie) an einer Universität voraus, während für die Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten auch das Studium der Pädagogik oder Sozialpädagogik an einer Fachhochschule Zugang zu der Ausbildung ermöglicht.

Ein Gesetzentwurf des BMG mit den für die Zukunft geplanten Regelungen liegt aktuell noch nicht vor.

Wie bewertet die Landesregierung die Vorschläge u. a. der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und der Bundespsychotherapeutenkammer, Hochschulen dauerhaft von der Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten auszuschließen?

Bei der Neuregelung der Psychotherapeutenausbildung im Psychotherapeutengesetz sollten aus Sicht der Landesregierung Fachhochschulen nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Entscheidend erscheinen die Definition von Kompetenzzielen und die Struktur der Ausbildung sowie die Sicherung der Qualität im Sinne des Verbraucherschutzes, nicht der Hochschultyp. Im Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie existiert in Niedersachsen ein erfolgreiches Ausbildungsmodell in Kooperation der Hochschule Hannover und des Winnicott-Instituts in Hannover. Die Absolventinnen und Absolventen werden vom Arbeitsmarkt als sehr gut ausgebildet aufgenommen. Dieses Beispiel zeigt – wenngleich für den Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie -, dass qualitativ hochwertige Psychotherapeutenausbildung auch an Fachhochschulen erfolgen kann.

Welche Initiativen wird die Landesregierung ergreifen, um die Durchlässigkeit von Abschlüssen im Sinne des Bologna-Prozesses an niedersächsischen Hochschulen sicherzustellen?

Im Hinblick auf die anstehende Novellierung des Psychotherapeutengesetzes wird sich Niedersachsen in den entsprechenden Gremien dafür einsetzen, dass die Kriterien für das geforderte Studium sich nicht am Hochschultyp, sondern an den Kompetenzzielen, der Struktur und der Qualitätssicherung orientieren.