100 Jahre Frauenwahlrecht

„Fordert das Stimmrecht, denn über das Stimmrecht geht der Weg zur Selbständigkeit und Ebenbürtigkeit, zur Freiheit und zum Glück der Frau“ – mit diesem Aufruf trat die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm schon früh 1873 für das Frauenstimmrecht ein. Es sollte noch weitere 45 Jahre dauern, bis sich ihre Hoffnung in Deutschland erfüllte.

Am 12. November 1918 verkündete der Rat der Volksbeauftragten das Frauenwahlrecht und verankerte es am 30. November 1918 im Reichswahlgesetz.

Um an diesen Meilenschritt der Gleichstellung vor hundert Jahren zu erinnern, finden finden in diesem Jahr viele Veranstaltungen statt, so organisierten die Gleichstellungsbüros der Gemeinden Friedland und Rosdorf eine Plakatausstellung, die im Aulafoyer des Hainberg Gymnasiums Göttingen am 13.Oktober von mir eröffnet wurde. Plakate werden als Medium oft unterschätzt. Dabei bringen sie den Zeitgeist wunderbar zugespitzt auf den Punkt. Sie spiegeln Klischees und Wünsche – in diesem Fall die Erwartungen an die Frauen: Sie sollen sich in den Dienst der Nation stellen oder sich für die Rechte der Arbeiter einsetzen, an das Glück ihrer Kinder und ihrer Familie denken und Ihre Frau im Beruf stehen. Frau zu sein, das hieß demnach schon immer, vielen Ansprüchen gerecht zu werden.

Gleichzeitig drücken die Plakate aus, dass das Frauenbild vor 100 Jahren mehr Rollen zuließ als zuvor. Sie sind Ausdruck einer Emanzipation – auch einer politischen. Diese hatte ab 1908 an Kraft gewinnen können, weil das Verbot für Frauen in einigen Ländern des Kaiserreichs fiel, sich nicht politisch betätigen zu dürfen. Die neuen Möglichkeiten nutzten die Frauen und forderten entschlossen ihr Wahlrecht: Auch hier in Göttingen gab es einen Ortsverein für Frauenstimmrecht. Die Philosophin Edith Stein war während ihres Studiums an der Universität Göttingen mit ihren Freundinnen Mitglied. Wobei wir von dem Ortsverein nur deshalb etwas wissen, weil er 1917 von der Polizei beobachtet wurde. Dieser waren die Frauen wohl zu engagiert.

Für das Wahlrecht traten Frauen mit sehr unterschiedlichen politischen Auffassungen ein, von Sozialistinnen über radikal- bis gemäßigt-bürgerliche Frauen. Helene Lange, die auch in dieser Ausstellung präsentiert wird, betonte in ihrem Buch „Kampfzeiten“, das Wahlrecht sei dann „dem fast geschlossenen Widerstand der Masse der Männer in langem zähem Kampf abgerungen worden“. Ausstellungen wie diese geben uns Gelegenheit, an diese Frauen zu erinnern und ihre Arbeit zu würdigen.

Die Sozialdemokratin Marie Juchaz war die erste weibliche Abgeordnete, die in der Berliner Nationalversammlung das Wort ergriff. Sie hatte die Hoffnung, mit dem Frauenwahlrecht wären die Kämpfe zu Ende. Sie sagte: „Wir werden es nicht mehr nötig haben, mit Versammlungen, mit Revolutionen, mit Eingaben um unser Recht zu kämpfen.“

Und war zu optimistisch. Mögen wir auch laut Verfassung gleichberechtigt sein, von der tatsächlichen Gleichstellung der Geschlechter sind wir im Jahr 2018 noch immer weit entfernt. Der Frauenanteil im Bundestag ist heute so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr. Im niedersächsischen Landtag ist dieser ebenfalls erstmals wieder gesunken – auf unter 30 Prozent. Besonders hartnäckig hält sich die Unterrepräsentanz von Frauen in der Kommunalpolitik – nur jedes zehnte Rathaus wird von einer Bürgermeisterin geführt. Die Ausstellung thematisiert daher im letzten Abschnitt genau dieses und fragt, wie Frauen und Männern endlich zu gleichen Teilen an politischen Entscheidungen beteiligt werden können. der Frau an den Interessen des Staates ist nicht ein Recht, sondern eine Pflicht.“ Diese Pflicht wird dem Staat auch auferlegt seit Mitte der 1990er Jahre: Das Grundgesetz und die Niedersächsische Verfassung fordern den Staat auf, sich aktiv für die Gleichstellung einsetzen und Nachteile abbauen. Auch diese Verfassungsänderungen haben aus der Schnecke kein Rennpferd gemacht.

Viele blicken daher nach Frankreich. Dort wurde im Jahr 2000 das sogenannte Parité-Gesetz eingeführt – ein Gesetz, das den Gleichstellungsgrundsatz verpflichtend macht. In Niedersachsen setzt sich der Landesfrauenrat schon lange für ein solches Gesetz ein, ich habe dazu im Landtag vor kurzem eine Tagung organisiert. Ob ein solches Gesetz bei uns Chancen hat, wage ich nicht vorherzusagen. Die Diskussion um einen gleichen Zugang von Frauen zu politischen Ämtern und Mandaten sollten wir aber führen! Wie rief uns Olympe de Gouges, die Verfasserin der Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin von 1791, zu:  „Frauen, wacht auf! Was auch immer die Hürden sein werden, die man euch entgegenstellt. Es liegt in eurer Macht, sie zu überwinden. Ihr müsst es nur wollen.“